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Forschergruppe:
Frühkindliche Sprachentwicklung und spezifische Sprachentwicklungsstörungen
Beteiligte
Fachrichtungen:
Allgemeine Sprachwissenschaft, Psycholinguistik, Neurolinguistik, Neuropsychologie,
Entwicklungspsychologie, Pädiatrie, Neuropädiatrie, Pädaudiologie, Humanbiologie,
Verhaltensbiologie.
Struktur
und Ziele der Studie:
Im Allgemeinen erwerben Kinder die Kernbereiche der Grammatik und des
Wortschatzes der Erwachsenensprache innerhalb ihrer ersten drei Lebensjahre.
Etwa 3-8% der Kinder eines Jahrganges, bei denen sonst keine offensichtlichen
Beeinträchtigungen wie neurologische Störungen, Hörschäden,
mentale Retardierung, oder soziale Deprivation festzustellen sind, haben
jedoch erhebliche Schwierigkeiten beim Erwerb ihrer Muttersprache (Grimm,
1999). Man spricht in diesem Fall von spezifischen Spracherwerbsstörungen.
Diese Kinder zeigen unterschiedliche Auffälligkeiten, wie beispielsweise
einen verspäteten Sprechbeginn, Wortschatzarmut, Verstehensschwierigkeiten,
sowie Defizite im Bereich der Phonologie, der Morphologie, und der Syntax.
Trotz der intensiven
Forschungen der letzten Jahre ist immer noch weitgehend unklar, worauf
diese Störungen des Spracherwerbs zurückzuführen sind.
Es liegt auf der Hand, dass diese Wissenslücken die Diagnose, Therapie
und vor allem die Prävention von Spracherwerbsstörungen stark
einschränken. Wenn die für den Spracherwerb entscheidenden Entwicklungsschritte
in den ersten drei Lebensjahren getan werden, und wenn die Sprachentwicklung
nur in diesem Zeitfenster, etwa aufgrund der hierfür notwendigen
Plastizität des Gehirns, störungsfrei verlaufen kann, dann ist
es für eine erfolgversprechende Intervention unerlässlich, Spracherwerbsstörungen
und ihre ersten Anzeichen möglichst früh zu erkennen. Nur so
können die mit Spracherwerbsstörungen verbundenen gravierenden
Folgen für die geistige und soziale Entwicklung der Betroffenen und
die sich daraus ergebenden erheblichen sozio-ökonomischen Kosten
durch die Entwicklung neuer Interventionsmöglichkeiten aussichtsreich
begrenzt werden.
Die bisherigen Forschungen legen nahe, dass Sprachentwicklungsstörungen
vermutlich das Resultat eines Zusammenwirkens von Faktoren aus unterschiedlichen
Entwicklungsbereichen sind. Diskutiert werden sich nicht notwendigerweise
einander ausschließende Erklärungsmodelle, deren Ansätze
von genetischen und neuroanatomischen Abweichungen über perzeptuelle
und kognitive Defizite bis hin zu rein sprachlichen Ursachen für
die Spracherwerbsstörungen reichen (vgl. den Überblick bei Leonard,
1998).Das bedeutet, dass die Entstehung von Spracherwerbsstörungen
nur durch interdisziplinäre Forschung geklärt werden kann.
Seit August 2000 wird
nun ein solches Forschungsprojekt im Rahmen der interdisziplinären
Forschergruppe "Frühkindliche Sprachentwicklung und spezifische
Sprachentwicklungsstörungen" von der Deutschen Forschungsgemeinschaft
(DFG) mit etwa 1.500 000.- DM für zunächst 2 Jahre (mit Verlängerungsmöglichkeiten
bis zu insgesamt 8 Jahren), zusätzlich zu der Finanzierung durch
die beteiligten Institutionen, gefördert.
Das Projekt ist als
vergleichende Längsschnittstudie angelegt. Sie soll während
der ersten drei Lebensjahre bei 250 prä- und perinatal unauffälligen
Kindern die normale und gestörte Sprachentwicklung in ausgesuchten
Bereichen der vorsprachlichen Lautgebung (Schreien und Lallen), der Sprachproduktion,
der Sprachwahrnehmung und der Sprachverarbeitung untersuchen. Parallel
hierzu werden auch bestimmte Aspekte der kognitiven und sozial-kognitiven,
sowie der auditiven, neurophysiologischen und neuropsychologischen Entwicklung,
von denen angenommen wird, dass ein Zusammenhang mit der Sprachentwicklung
besteht, verfolgt. Gleichzeitig wird auch die somatische und psychomotorische
Entwicklung der Kinder kontrolliert und dokumentiert.
Bei einer Stichprobengröße von 250 Kindern ist zu erwarten,
dass bei einer Reihe von Kindern Sprachentwicklungsstörungen auftreten.
Diese Kinder sollen im Alter von 2 und 4 Jahren mithilfe unabhängiger
Tests identifiziert werden. Durch den nachträglichen Vergleich der
Entwicklung dieser Kinder mit der Entwicklung sprachlich ungestörter
Kinder kann dann festgestellt werden, in welchen Bereichen sich die Entwicklungsverläufe
zwischen den beiden Gruppen unterscheiden. Wir erwarten, dass sich Unterschiede
sehr früh zeigen und damit als frühe Indikatoren Vorhersagen
zu Sprachentwicklungsstörungen erlauben.
Die Hauptziele der
Studie sind somit die Klärung davon, (1) welche Zusammenhänge
zwischen ausgewählten Entwicklungsparametern in den verschiedenen
Untersuchungsbereichen bestehen; (2) welche Unterschiede in der Ausprägung
dieser Parameter im ungestörten und gestörten Spracherwerb mögliche
Ursachen bzw. Ausdruck von Sprachentwicklungsstörungen darstellen;
und (3) welche Entwicklungsparameter als Prädiktoren für den
Sprachentwicklungsverlauf und damit als potentielle diagnostische Merkmale
zur Früherkennung von Spracherwerbsstörungen dienen können.
Um die Frage der Persistenz
von Spracherwerbsstörungen und deren Einfluss auf die kindliche Entwicklung
in nicht-sprachlichen kognitiven Bereichen während der Vorschulzeit
zu untersuchen, sollen im Alter von 4 und 5 Jahren Nachuntersuchungen
mit derselben Gruppe durchgeführt werden. Mithilfe dieser Untersuchungen
soll auch die Zuverlässigkeit der Vorhersagen über die sprachliche
Entwicklung der Kinder überprüft werden.
Eine zentrale Forschungshypothese
der Studie ist, dass Spracherwerbsstörungen auf einer eingeschränkten
Sprachlernfähigkeit beruhen, bei der die folgenden Defizite vermutlich
eine wichtige Rolle spielen:
- Defizite im Bereich
der Informationsverarbeitung. Sie können unter anderem darin bestehen,
dass das Kind nicht in der Lage ist, im sprachlichen und nichtsprachlichen
Input die für den Erwerb sprachlichen Wissens notwendigen Informationen,
z. B. prosodisch-rhythmische Eigenschaften des Sprachsignals oder bestimmte
Aspekte von Objekten oder Ereignissen wahrzunehmen.
- Defizite der sprachlichen
Lernmechanismen. Sie können darin bestehen, dass das Kind zwar
Zugang zu den für den Spracherwerb relevanten Inputinformationen
hat, seine Lernmechanismen jedoch diese Informationen nicht ausnutzen
können. So etwa, wenn ein Kind, das über eine intakte rhythmische
Perzeption verfügt, nicht in der Lage ist, diese Information für
die Erkennung der Regeln nutzbar zu machen, die der deutschen Wortbetonung
zugrundeliegen. Die Annahme ist, dass sich solche Beeinträchtigungen
vor allem dann zeigen, wenn Inputinformationen unterschiedlichen Typs,
wie etwa phonologische, semantisch-konzeptuelle und syntaktische Informationen
miteinander in Beziehung gesetzt werden müssen.
- Defizite auf der
Ebene der grammatikalischen Repräsentationen, insbesondere der
syntaktischen Dependenzen (z.B. Kongruenzerscheinungen, Fragekonstruktionen).
Neben der Überprüfung
dieser Hypothesen sollen unsere Untersuchungen klären, worauf diese
Verminderung der Sprachlernfähigkeit selbst wieder zurückzuführen
ist, etwa auf zugrundeliegende perzeptuell-kognitive oder biologisch-genetische
Beeinträchtigungen.
Diagramm
1: Überblick über die vorgesehenen Untersuchungen und die beteiligten
Institutionen
Teilprojekte
der Forschergruppe:
Normale
und gestörte Sprachentwicklung: Sprachproduktion - Projektleitung:
PD Dr. Zvi Penner & PD Dr. Kathleen Wermke
Die
Entwicklung der Phonemdiskrimination und deren Einfluss auf die Sprachentwicklung
- Pädaudiologische
Studienbegleitung: Prof. Dr. Manfred Gross & Dr. Karsten Nubel
Neurokognitive
Aspekte des Spracherwerbs und seiner Störungen - Projektleitung: Prof.
Dr. Angela Friederici
Die
Entwicklung der Sprachverarbeitung bei normal sprechenden und spracherwerbsgestörten
Kindern - Projektleitung: Prof. Dr. Jürgen Weissenborn & Dr. Barbara
Höhle
Die
Bedeutung der kognitiven Entwicklung für den normalen und prospektiv gestörten
Spracherwerb - Projektleitung: PD Dr. Sabina Pauen & Prof. Dr. Hellgard
Rauh
Pädiatrische
Studienbegleitung - Projektleitung: Prof. Dr. Volker Hesse
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